Ein Familienalbum

Große Literatur, faszinierend leise und mit Lust am Mosaikhaften erzählt. Katja Petrowskajas Erzählung ist ein Glücksfall

Ich bin eher zufällig jüdisch“, erklärt die Ich-Erzählerin von Katja Petrowskajas Erzählung auf einer der ersten Seiten. Aber natürlich lässt sich ihr Jüdischsein in diesem so eleganten Stück Literatur gerade nicht von der Erzählinstanz trennen. Denn die Geschichte versetzt uns in das Leben der jüdischen Urgroßmutter, die 1941 im von den Deutschen besetzten Kiew gehbehindert und allein in der Wohnung der geflohenen Familie zurückbleibt. Wird sie das Grauen überleben?

Diese Frage schwebt über allem Erzählten. Und doch entfaltet Petrowskaja mit flirrendem Bilderreichtum das Schicksal dieser bunten Sippe: „In meiner Familie gab es alles … einen Bauern, viele Lehrer, einen Provokateur, einen Physiker und einen Lyriker, vor allem aber gab es Legenden.“ Statt ihren gewaltigen Stoff episch auszubreiten, erinnert sie sich an ihre Reisen zu den Schauplätzen der Geschichte, reflektiert über ein traumatisiertes Jahrhundert und findet trotz all der Dramen einen luftig-leichten Erzählton.

Petrowskajas Werk wurde mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet. Die Jurorin Hildegard Elisabeth Keller, Literaturprofessorin in Zürich, fand es „zauberhaft“, wie selbstbewusst und gleichzeitig bescheiden die Autorin die wichtigsten Fragen des Lebens stelle: „Wer bin ich, und sind wir überhaupt etwas anderes als eine Fiktion?“ Dies trifft den Nagel auf den Kopf und ist ein Grund mehr dafür, diesen faszinierenden Text zu entdecken.

Der Text tanzt und schwebt trotz seines gewichtigen Themas. Meike Feßmann

Katja Petrowskaja

Geboren 1970 in Kiew, studierte Katja Petrowskaja Literaturwissenschaft im estnischen Tartu und promovierte in Moskau. Seit 1999 lebt sie in Berlin und arbeitet als Journalistin für russische und deutsche Medien. Seit 2011 ist Petrowskaja zudem Kolumnistin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Für ihre Erzählung Vielleicht Esther wurde sie im vergangenen Jahr mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.


Katja Petrowskaja
Vielleicht Esther
978-3-518-42404-9
200 Seiten
19,95 Euro
Suhrkamp