Eine wunderbare Heldin

Maud ist über 80, hat Alzheimer, aber auch einen starken Willen. Und so scheitert Emma Healeys Heldin zwar regelmäßig am Alltag, löst dafür aber einen Kriminalfall

Ja, es gibt schon einige Romane über Alzheimer und Altersdemenz. Aber dieses fulminante Werk erzählt von den Untiefen der Krankheit aus einer derart eigenen Perspektive, dass man der Geschichte schlichtweg nicht widerstehen kann. Natürlich weiß niemand so genau, wie sich Alzheimer kranke Menschen wirklich fühlen, aber diese Version des Erlebens klingt so plausibel wie sie unterhaltsam ist. Dabei begnügt sich die erst 28-jährige literarische Debütantin Emma Healey nicht damit, eine über 80-jährige, vom Alltagsleben überforderte Dame in der Ich-Form aus ihrem Alltag zu berichten; sie lockt den Leser auch in zwei mysteriöse Vermisstenfälle hinein, die von den ersten Seiten bis zum Schluss für kriminalistische Spannung sorgen: Zum einen behauptet Healeys betagte Heldin Maud, ihre beste – und etwa gleich alte – Freundin Elizabeth sei verschwunden. Und tatsächlich gibt es auch einige Hinweise, die Mauds Version stützen. Allein: Keiner glaubt der altersdementen Dame, weil sie ja auch sonst allerlei durcheinander bringt und oftmals nicht einmal ihre Tochter Helen wiedererkennt. 

Hochspannend bis zum Schluss

Der zweite Vermisstenfall führt den Leser tief in die Vergangenheit, in der Maud sich ohnehin besser zurechtfindet als in der Gegenwart: Seinerzeit, als Maud noch ein Mädchen war, verschwand nämlich ihre Schwester Sukey spurlos. Diesen Verlust hat Maud ihr Leben lang nicht verwunden. Der damit zusammenhängende Kriminalfall wurde nie aufgeklärt. Es wird vermutet, dass Sukey im Rahmen einer Liebesaffäre zu Tode kam, doch stimmt das wirklich? Es soll die Aufgabe der hilflos-schusseligen und dabei zutiefst sympathischen Maud werden, in der Art einer von allen für verrückt erklärten Miss Marple, das Rätsel um Sukeys Verschwinden zu lösen. Über sich selbst vertritt Maud übrigens eine völlig eigenständige Meinung: „Ich vergesse Dinge – das weiß ich –, aber ich bin nicht verrückt.“ Und so ist dieser Roman auch ein mitreißendes Plädoyer dafür, mit alten Menschen, auch wenn sie sonderlich werden, respektvoll umzugehen.

Was würdest du tun, wenn du runter kommst, und eine Fremde steht in der Küche?‘ – ‚Das war keine Fremde, das war eine Pflegekraft.

Emma Healey 

Die Autorin mit dem strahlend jungen Blick wuchs in London auf. Nach der Schule machte Emma Healey eine Ausbildung zur Buchbinderin. Doch als ihr die Buchherstellung nicht mehr ausreichte, legte sie 2011 noch einen Master in Kreativem Schreiben an der University of East Anglia ab. Elizabeth wird vermisst ist Healeys erster Roman. Sie hat das fulminante Werk mit gerade mal 28 Jahren vorgelegt.


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Emma Healey
Elizabeth wird vermisst
978-3-7857-6110-6
352 Seiten
14,99 Euro
Lübbe