Passagier 23

Eine höllische Kreuzfahrt

Der deutsche Thriller-Meister Sebastian Fitzek im Interview – über eine gefährliche Urlaubsform, Morddrohungen und die Waffen seiner Frau.

Herr Fitzek, in Ihrem neuen Thriller Passagier 23 lassen Sie während einer Kreuzfahrt Menschen verschwinden, andere werden gequält und an ihre psychischen Grenzen geführt. Nach der Lektüre habe ich tatsächlich Zweifel, ob eine Kreuzfahrt für mich die geeignete Reiseform ist. Ich meine, man ist eingesperrt, es gibt keine Polizei – und wer sagt, dass nicht ein Trupp Psychopathen mit an Bord ist …
Keine Sorge, statistisch gesehen ist das eher unwahrscheinlich. Aber etwas Vorsicht bei der nächsten Fahrt kann nie schaden.

Waren Sie selbst schon einmal Teilnehmer einer Kreuzfahrt?
Ich habe schon mehrere Kreuzfahrten hinter mir, einmal sogar die Transatlantiküberquerung, so wie sie in Passagier 23 beschrieben ist. Allerdings ist hier nichts Schreckliches geschehen, allenfalls etwas Merkwürdiges, als der Kapitän einen Tag vor New York die Durchsage machte:
„Wir befinden uns jetzt exakt an der Stelle, an der die Titanic gesunken ist.“ Noch befremdlicher war das Verhalten einiger Passagiere, die an Deck rannten. Nicht in Panik, sondern weil sie das Wasser fotografieren wollten.

Ihr Roman ist sehr spannend, aber nicht unbedingt eine Werbung für die Kreuzfahrtindustrie. Haben Sie bereits Morddrohungen von Reedern oder Kreuzfahrtveranstaltern bekommen?
Nein, und die werden vermutlich ebenso ausbleiben wie die Morddrohungen des Berliner Touristikverbandes. Ich liebe ja auch meine Heimatstadt, habe aber keine Probleme, sie mit Seelenbrechern und Augensammlern zu bevölkern. Und ich mag Schiffe, habe aber keine Skrupel, sie zum Schauplatz eines Albtraums zu machen. Und Sie werden es kaum glauben, aber ich bin tatsächlich bereits zu Lesungen auf Kreuzfahrtschiffen eingeladen worden.

Sie beschreiben das Innenleben des Kreuzfahrtschiffs sehr präzise. Woher kennen Sie sich so genau mit Räumen aus, die man als normaler Passagier niemals betreten darf?
Da gibt es zum einen sehr viel Material im Internet, zum anderen durfte ich an Führungen teilnehmen, als ich selbst Passagier auf derartigen Fahrten war. Das war allerdings bevor die Crew wusste, was ich schreiben würde ... Schließlich habe ich den Roman am Ende noch einmal einem Kapitän zu lesen gegeben.

Gibt es wirklich alle von Ihnen beschriebenen Räume – also auch diese ganz geheimen, die in Ihrer Geschichte eine wichtige Rolle spielen?
Es gibt die meisten der beschriebenen Räume wirklich, allerdings nicht alle auf demselben Schiff. Wenn Sie mit Ihrer Frage auf das „blaue Regal“ anspielen – so etwas in der Art gibt es auch, die konkrete Ausgestaltung aber war zum Teil künstlerische Freiheit. So etwas bekommen Sie als Normalkreuzfahrer auch nicht zu sehen.

Das Thema Selbstmord spielt in Ihrem Roman eine wichtige Rolle. Können Sie Menschen verstehen, die keine Lust mehr zu leben haben?
Ich kann sehr gut verstehen, dass es sensible Menschen gibt, die in ihrem Leben an einen Punkt gelangen, an dem sie keine Hoffnung mehr für sich sehen. Allerdings dürfen wir nicht den Fehler machen zu denken, suizidgefährdete Personen würden sterben wollen. Durch meine Recherchen habe ich erfahren, dass viele von ihnen den Tod fürchten, oftmals sogar mehr, als wir es uns vorstellen können. Nur empfinden sie ihr Leben als eine noch sehr viel schrecklichere Alternative. Ähnlich wie Menschen, die aus einem brennenden Haus springen, treffen sie eine grauenhafte Wahl, weil ihnen der Fluchtweg abgeschnitten ist. Das ist etwas, was Mitmenschen allenfalls im Ansatz nachvollziehen können. Der von mir geschätzte Thriller-Autor Harlan Coben hat in einem Facebook Post jüngst sehr klug darauf hingewiesen.

Wie in Ihren anderen Werken lassen Sie in Ihrem neuen Thriller einige Protagonisten wieder höllisch leiden. Ganz ehrlich: Geht Ihre Frau angesichts Ihrer literarischen Phantasien abends unbewaffnet ins Bett?
Ich hoffe, bin mir aber nicht sicher. Man weiß ja nie, was um einen herum passiert, wenn man schläft …

Interview: Jörg Steinleitner


Sebastian Fitzek
Passagier 23
978-3-426-19919-0
432 Seiten
19,99 Euro
Droemer