Montecristo

Skandal in feinsten Kreisen

In seinem neuen Roman erzählt Martin Suter eine facettenreiche Geschichte über Falschgeld, Mord, Spekulation und eine Bank in der Krise. Mit uns spricht der Autor über Arbeitsplätze und Lebensqualität, Thailand und den Sexappeal von Geld. Zu unserem Gewinnspiel

Herr Suter, in Ihrem aktuellen Roman Montecristo findet sich ein erfolgloser Videojournalist unversehens im Zentrum eines Bankenskandals wieder. Es geht um Falschgeld, Mord, eine Bank in der Krise und hohe Spekulationsverluste. Spekulieren Sie selbst auch?

Nein, ich spekuliere nicht. Mir ist das Prinzip des Shareholder Values nicht
sympathisch, das den Gewinn zum einzigen Unternehmenszweck erhebt. Ich finde, ein Unternehmen sollte noch anderes produzieren als Geld. Zum Beispiel gute Produkte und Dienstleistungen, Arbeitsplätze, soziale Sicherheit, Lebensqualität, und unbelastete Umwelt. Mit Papieren solcher Firmen würde ich gerne spekulieren.


In vielen Ihrer Werke geht es um Liebe und Erotik. Sexuelle Anziehungskraft spielt auch in Montecristo eine gewisse Rolle. Wie sexy ist Geld und wie sexy macht es?

Geld ist nicht sexy und macht auch nicht sexy. Es ist höchstens ein Mittel, Menschen ohne Sexappeal manchmal trotzdem eine gewisse Anziehungskraft zu verleihen.

Martin Suter erreicht mit seinen Romanen ein Riesenpublikum. Er fängt seine Leser mit schlanken, raffinierten Plots.
— Wolfgang Höbel / Der Spiegel, Hamburg


Eines Tages erfüllt sich für Ihre zentrale Figur, den Journalisten Jonas Brand, der bislang stets nur Videos für Klatschmagazine drehen durfte, der Traum vom eigenen Film. Obwohl er immer auf diese Chance gehofft hat, zweifelt er plötzlich, ob das nicht eine Nummer zu groß für ihn ist. Sie sind einer der erfolgreichsten Schriftsteller deutscher Sprache. Kennen Sie dennoch derartige Zweifel?

Ich zweifle oft an mir. Schon weil ich weiß, wie unerträglich Leute ohne Selbstzweifel sind.


Ein Teil Ihres Romans spielt in Thailand. Sie versetzen uns u.a. in das Hotel Mandarin Oriental und ins Bang Kwang, eines der berüchtigtsten Gefängnisse des Landes. Wie gefällt Ihnen Thailand als Reiseland?

Bangkok ist eine faszinierende Stadt. Und eine Flussfahrt auf dem Chao Phraya ein unvergessliches Erlebnis. Der Direktor der Schweizer Finanzverwaltung äußert in Ihrem Werk
einmal die Ansicht, dass man Skandale, hätten sie eine kritische Größe erreicht, nicht mehr aufdecken dürfe.


Sie hatten für Ihr Buch – wie Sie auf der letzten Seite schreiben – u.a. Unterstützung vom echten Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung. Hat er das auch so formuliert?

Der echte, übrigens ehemalige Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung würde das nie so formulieren. Er ist ein sehr redlicher, unzynischer Mann.


Was halten Sie von der Aussage, dass ein Skandal zu groß sein kann, um ihn öffentlich zu machen?

Ich fürchte, in dieser Frage werden Sie weiterhin auf Vermutungen angewiesen sein. Meine Bücher sind keine Lebenshilfe, sie liefern keine Antworten. Sie werfen Fragen auf.


In Ihrem Roman enthüllen zwei enttäuschte Mitarbeiter Interna ihrer Bank. Ein Vorgang, der uns auch in der Realität immer häufiger begegnet. Ist es nicht an der Zeit, dass die Banken – und eigentlich alle Unternehmen – umdenken, und mit ihren Mitarbeitern besser umgehen?

Solange die Gewinnoptimierung das Hauptziel der Unternehmensführung ist, wird sich daran kaum etwas ändern.


Herr Suter, vielen Dank für das Gespräch. Interview: Jörg Steinleitner


Autorenportrait

Bekannt wurde Martin Suter durch seine Kolumnen aus der Business Class, die vor allem Verhaltensweisen von Managern aufs Korn nahm. Bereits hier erwies er sich als scharfer und pointierter Beobachter. Kein Wunder: Für seine Kolumnen konnte Suter aus reicher Erfahrung schöpfen – er war 22 Jahre lang Werber und Werbetexter. Daneben schrieb er Reportagen und Drehbücher. Sein erster Roman Small World war auf Anhieb ein Bestseller und wurde 2010 mit Gérard Depardieu verfilmt. Weitere Verfilmungen folgten. „Das Schreiben ist mir schon als Kind leichtgefallen“, sagt Suter. „Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich eine Arbeit suchen, die ihnen besonders schwerfällt.“ Und so verfasst der Schweizer mit großer Leichtigkeit Werke, die Gesellschaftsromane und Thriller in einem sind und in denen es ihm stets gelingt, „mit feiner
Beiläufigkeit die Dinge des Lebens zu beschreiben“, so Christine Westermann. Suter lebt mit seiner Familie in Zürich.


Martin Suter
Montecristo
978-3-257-06920-4
320 Seiten, 23,90 Euro
Diogenes